MV Agusta 350B von Ralf Hauptmann

Geschichte der Bicilindrica's und der 350B

Die 350 Bicilindrica, ein zweizylindriges Leichtgewicht aus Verghera, mit bis zu 34 Sternen auf dem Tank. Jeder dieser Sterne präsentiert eine Markenweltmeisterschaft der MV Agusta. Eingefahren von Rennsportgrößen wie Surtees, Ubbiali, Hailwood und Agostini, um nur einige zu nennen. Mit deren komplizierten und hochspezialisierten Rennmotoren hat die 350 Bicilindrica allerdings äußerst wenig zu tun. Von den Sternen und dem Schriftzug mal abgesehen.

In der Geschichte des Werkes des Conte Agusta hatten es Zweizylinder grundsätzlich schwer und die Fangemeinde musste lange warten um in den Genuss eines solchen Motorrades zu gelangen. Zwar zeigte man bereits 1955 in Mailand einen 350er Twin, in einem für diese Zeit radikalen Design, mit zwei oben liegenden Nockenwellen. Doch es blieb bei dem Prototypen und das Modell verstaubte im Verborgenen.

Erst 1963 besannen sich die Galarateser wieder des Zweizylinders. Diesmal aber wesentlich bescheidener. Mit 160 ccm, spärlichen 7,5 PS und mit Stößel gesteuertem Ventiltrieb. Vorgestellt in Mailand verschwand auch dieser Prototyp auf nimmer Wiedersehen in den Werkshallen.

Diesmal aber saßen die Konstrukteure weiter an dem Motor und er wuchs auf einen Viertel Liter Hubraum. Dann tauchte er in der touristischen, später auch enduristischen, 250 Bicilindrica, erst auf der Messe und dann in den Verkaufsräumen auf. Mit 23 PS war er aber ebenfalls noch kein Ausbund der Lebensfreude.

Erst mit dem auf 350 ccm aufgebohrten, nun überquadratischen, Zweizylinder kam, 1971, mit 32 PS so etwas wie Spritzigkeit auf. Die 350B, erhältlich in Form einer Turismo, Scrambler und einer knallroten Sport, gab es zunächst mit einer 6 Volt Zündanlage. Später wurde auf 12 Volt umgerüstet und den Modellen der Beiname "Elettronica" spendiert. Das Fahrwerk war mit ca. 145 kg zwar leicht und steif, war aber selbst für damalige Verhältnisse veraltet und basierte auf Konstruktionen aus den fünfziger Jahren. Trotzdem überrascht die 350B mit enormer Handlichkeit und Stabilität. Die 8 Zoll Grimeca Bremsen sorgen, für damalige Verhältnisse, bei beherztem Zugriff, für ordentliche Verzögerungen. Von unten heraus ist der, in seinem äußeren Erscheinungsbild an einen Jawa Zweitakter erinnernde, Motor nicht besonders euphorisch. Einmal in Schwung hat er aber keine Mühe mit dem leichten Fahrwerk, dreht locker bis 7000 U/min und erreicht Geschwindigkeiten jenseits der 155 km/h Marke. Folglich fühlt sich die Italienerin im Landstraßengewürm am wohlsten und zaubert dort ein breites Grinsen auf das Gesicht des Fahrers.

Im Jahre 1975 wurde der Motor eckiger, leiste 3 PS mehr, steckte in einem von Guigaro gezeichneten Kleid und Fahrwerk. Dieses Model hieß 350 Tipo 216, auch als "Ipotesi" bekannt, und wurde bis zur Auflösung der MV Agusta, im Jahre 1978, in Verghera gebaut.

Die Geschichte meiner 350B

Meine 350er war ursprünglich eine Turismo. Im Herbst des Jahres 1972 wurde sie von Sen. Paolo Uoglini, aus Savignano sul Rubicone, gekauft und zugelassen. Warum er sie dann umbaute weiß ich nicht. Vermute aber dass Paolo schon immer von einem Renner nach Art der Werksrenner träumte. So wurde Sie im Jahre 1991 nach einer gewissen Ruhepause, erneut zugelassen. Nun aber in Rot, mit einem Sporttank, einem Sitzhöcker, zurückverlegten Fußrasten und Tomaselli Lenker. So schaffte Sie es bis 2000 auf etwa 25500 km. Dann erschien die F4, Hr. Ugolini musste die neue Diva haben und seitdem war die hübsche 350er nicht mehr auf den Strassen um Forli zu sehen. Bis ich Sie im Januar 2007 auf Ebay entdeckte. Die sieben Jahre Standzeit hatten Ihr äußerlich nicht geschadet der Teufel lag aber im Detail. Der Lichtmaschinenregler wollte zu weilen nicht und überlud die Batterien. Zudem setzte die Lichtmaschine zu weilen komplett aus. Die Gabel federte nicht und das Schwingenhauptlager hatte Spiel. Auch der Kupplungshebel verlangte nach enormen Kräften. Weiter sabberten die Dell'Orto UB24. Mit einem freundlichen Mechaniker konnten wir zumindest die Gabel und Kupplung gängig machen, sowie die Vergaser reinigen und einstellen. So schaffte ich immerhin 2500 km im Alpenvorland des Piemont. Der Höhepunkt unserer kurzen Beziehung war ganz klar das Treffen in Cascina Costa. Der Tiefpunkt die Arbeitsverweigerung in Diedersdorf. So ist Sie nun zu ambulanter Behandlung bei Matthias Schumacher. So bin ich mir sicher dass Sie mir noch viele Jahre Freude bereiten wird und wenn alles klappt werde ich in Distelhausen endlich mal wieder ordentlich am Kabel ziehen.

Technische Daten

Motor: 4 Takt Zweizylinder luftgekühlt
Ventiltrieb: Stoßstangen gesteuerte Kipphebel
Hubraum: 350 ccm
Bohrung / Hub: 2x 63x56
Verdichtung: 1:9
Leistung: 32 PS bei 7600 U/min
Getriebe: 5 Gänge
Lichtmaschine: 45W, 6V
Kupplung: Mehrscheiben im Ölbad
Antrieb: Kette
Bremse V/H: Trommel
Federung vorne: Hydraulische Teleskop Gabel
Federung hinten: Hydraulische Federbeine
Felgen: 18"x2,25"
Reifen vorne: 2,75x18
Reifen hinten: 3,25x18
Geschwindigkeit: max. 155 km/h

 

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